Viele Großeltern kennen dieses Gefühl: Man sitzt beim Familienessen, und der Enkel schaut kaum vom Bildschirm auf. Die Versuche, ein Gespräch anzufangen, enden in einsilbigen Antworten – und irgendwann fragt man sich, ob man überhaupt noch einen echten Zugang zu diesem jungen Menschen hat. Das ist keine Frage des guten Willens, sondern eine der Generation und der veränderten Lebenswelt von Teenagern.
Was hinter dem digitalen Rückzug wirklich steckt
Bevor man das Smartphone-Verhalten eines Teenagers verurteilt, lohnt ein Blick auf die Zahlen: Laut der JIM-Studie 2023 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest verbringen Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren durchschnittlich rund 196 Minuten – also etwa dreieinhalb Stunden – täglich im Internet, Schule und Lernen nicht mitgerechnet. Ein Anstieg gegenüber den Vorjahren, der soziale Medien und Videostreaming einschließt. Das klingt beunruhigend, ist aber kein Zeichen von Gleichgültigkeit gegenüber der Familie.
Für Teenager sind soziale Netzwerke und Videospiele keine bloße Freizeitbeschäftigung. Sie sind soziale Räume, in denen Freundschaften gepflegt, Identitäten ausprobiert und Zugehörigkeit erlebt wird. Wer einem 15-Jährigen sagt „Leg das Handy weg“, nimmt ihm aus seiner Perspektive nicht eine Ablenkung weg – sondern reißt ihn aus seinem sozialen Leben heraus.
Das zu verstehen, ist keine Kapitulation vor dem Bildschirm. Es ist der erste Schritt, um wirklich miteinander reden zu können.
Der häufigste Fehler: Konkurrenz statt Neugier
Viele Großeltern versuchen intuitiv, die Aufmerksamkeit des Enkels zurückzugewinnen, indem sie Alternativen anbieten: „Komm, wir spielen Karten“ oder „Früher haben wir uns auch ohne Smartphone unterhalten.“ Diese Aussagen – gut gemeint – signalisieren dem Teenager unbewusst: Deine Welt ist falsch, meine war besser.
Das Ergebnis ist Abstand statt Nähe.
Was hingegen wirklich funktioniert, ist echte Neugier. Fragen wie „Was spielst du da eigentlich genau?“, „Zeigst du mir mal, warum du das so lustig findest?“ oder „Wie funktioniert das überhaupt?“ wirken wie ein Schlüssel. Nicht weil der Großvater plötzlich ein Gaming-Fan werden muss, sondern weil der Enkel merkt: Ich werde ernst genommen. Der Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann beschreibt gemeinsam mit Gudrun Quenzel in „Lebensphase Jugend“ genau dieses Bedürfnis: Jugendliche suchen in digitalen Welten nach Anerkennung – und reagieren auf neugierbasierte Interaktionen deutlich offener als auf Kritik oder Verbote.
Brücken bauen – konkret und ohne Druck
Die digitale Welt nicht bekämpfen, sondern betreten
Ein einfacher, aber überraschend wirksamer Schritt: Gemeinsam ein YouTube-Video oder einen Videospiel-Livestream schauen – nicht um es zu bewerten, sondern um einfach dabei zu sein. Diese scheinbar passive Geste sendet eine klare Botschaft: Ich bin an deiner Welt interessiert.
Viele Großeltern berichten, dass genau hier die Gespräche wieder anfangen. Der Enkel erklärt plötzlich Zusammenhänge, Regeln, Charaktere – und das Gespräch entsteht von selbst.
Gemeinsame Rituale, die keinen Bildschirm ausschließen
Statt auf ein „bildschirmfreies Abendessen“ zu bestehen, kann man niedrigschwellige Rituale schaffen, die einfach angenehm sind – ohne Verbot:
- Gemeinsames Kochen mit Musik oder einem Podcast, den der Enkel auswählt
- Ein wöchentlicher Filmabend, bei dem der Enkel einen Film aussucht – auch wenn es kein klassischer Familienfilm ist
- Spaziergänge, bei denen das Smartphone erlaubt ist, man aber trotzdem nebeneinanderhergeht und redet
Der entscheidende Punkt: keine Verbote als Voraussetzung für Gemeinsamkeit. Druck erzeugt Rückzug, Offenheit erzeugt Verbindung.

Die eigene Lebensgeschichte als Brücke nutzen
Teenager sind – entgegen dem Klischee – oft sehr empfänglich für echte Geschichten. Nicht Morallektionen, sondern authentische Erlebnisse: Was war schwierig in deiner Jugend? Was hast du vermisst? Welchen Fehler würdest du nicht wiederholen?
Das berührt, weil es Verletzlichkeit zeigt. Und Verletzlichkeit schafft Vertrauen. Die Forscherin Brené Brown zeigt in „Die Gaben der Unvollkommenheit“, dass genau diese Offenheit die Grundlage echter Beziehungen ist – auch und gerade zwischen Generationen.
Wann sollte man sich Sorgen machen – und was dann?
Stundenlanges Zocken und Social-Media-Konsum sind nicht per se problematisch. Anders sieht es aus, wenn folgende Zeichen auftreten:
- Schlafen bis nach dem Mittag, weil die Nacht vor dem Bildschirm verbracht wurde
- Sozialer Rückzug auch von Gleichaltrigen, nicht nur von der Familie
- Reizbarkeit oder Aggressivität, wenn der Bildschirm weggenommen wird
- Vernachlässigung von Schule, Essen oder Körperpflege
In diesen Fällen sprechen Fachleute von möglichen Anzeichen einer problematischen Mediennutzung. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie listet genau diese Warnsignale in ihrer S3-Leitlinie zu Mediennutzungsstörungen als klinisch relevante Kriterien – und empfiehlt in solchen Situationen elterliche und gegebenenfalls professionelle Unterstützung.
Als Großelternteil trägt man hier keine alleinige Verantwortung, kann aber eine wichtige Rolle spielen: offen mit den Eltern sprechen – ohne Anschuldigungen, mit konkreten Beobachtungen.
Was Großeltern haben, was niemand sonst hat
Es gibt etwas, das im Trubel des Alltags leicht vergessen wird: Großeltern können etwas bieten, das Eltern strukturell oft nicht schaffen – Zeit ohne Leistungsdruck. Keine Schulnoten, keine Erziehungsverantwortung, keine täglichen Konflikte um Aufräumen und Hausaufgaben.
Diese Freiheit ist ein echtes Geschenk. Ein Teenager, der zuhause das Gefühl hat, ständig bewertet zu werden, kann beim Großvater oder der Großmutter auftanken – vorausgesetzt, dort entsteht ein Raum ohne Erwartungen.
Das bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Aber es bedeutet: zuerst da sein, dann reden.
Ein Großvater, der einfach neben dem Enkel sitzt – auch wenn der sein Smartphone in der Hand hält – und signalisiert: Ich bin froh, dass du hier bist, ist näher an ihm als jemand, der versucht, die Verbindung durch Regeln herzustellen.
Diese stille Präsenz ist oft das Mächtigste, was ein Mensch einem anderen geben kann. Sie erfordert keine perfekten Worte, keine erzieherischen Tricks – nur die Bereitschaft, den anderen anzunehmen, wie er ist. Wenn du das schaffst, wird dein Enkel das spüren. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht mit Worten. Aber er wird wissen: Hier ist jemand, der mich sieht. Und genau das kann den Unterschied machen.
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