Wenn das Telefon zum dritten Mal an einem einzigen Dienstagvormittag klingelt und wieder die Stimme des Enkels am Apparat ist – diesmal wegen einer Frage, welchen Handyvertrag er abschließen soll – dann ist es normal, dass sich im Herzen der Großeltern zwei Gefühle gleichzeitig regen: Wärme und Erschöpfung. Diese Mischung ist kein Zeichen von Kälte, sondern ein Signal, das ernst genommen werden sollte.
Wenn Nähe zur Abhängigkeit wird
Junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren befinden sich in einer der anspruchsvollsten Lebensphasen überhaupt. Studium, erster Job, erste ernsthafte Beziehungen, finanzielle Eigenständigkeit – all das trifft gleichzeitig ein. Es ist deshalb verständlich und sogar gesund, dass sie Unterstützung suchen. Das Problem entsteht nicht durch den Kontakt selbst, sondern durch dessen Intensität und die dahinterliegende Unfähigkeit, eigenständig Entscheidungen zu treffen.
Die Entwicklungspsychologie spricht in diesem Zusammenhang von einer verzögerten Individuation – einem Prozess, bei dem das Ablösen vom familiären Sicherheitsnetz hinausgezögert wird. Interessanterweise zeigen Studien, dass Großeltern in diesem Ablösungsprozess heute eine größere Rolle spielen als früher, weil das Verhältnis zu ihnen oft weniger konfliktbeladen ist als jenes zu den eigenen Eltern. Die Großeltern werden zu einem emotionalen Ruhepunkt – was an sich wertvoll ist, aber gefährlich werden kann, wenn der Enkel keinen anderen Ruhepunkt kennt.
Was hinter den täglichen Anrufen steckt
Bevor Großeltern reagieren, lohnt es sich, die Frage zu stellen: Warum ruft der Enkel wirklich an? Selten geht es ausschließlich um den konkreten Inhalt des Gesprächs. Wer dreimal am Tag fragt, ob er eine Stelle annehmen soll oder welche Wohnung er mieten soll, sucht in Wahrheit nach Bestätigung – nach dem Gefühl, dass jemand da ist und es schon gut wird.
Das ist zutiefst menschlich. Doch wenn diese Bestätigung ausschließlich von außen kommt und nie von innen wächst, bleibt der junge Mensch dauerhaft abhängig. Das Netz, das die Großeltern spinnen, um den Enkel aufzufangen, kann ungewollt dazu beitragen, dass er nie lernt, selbst zu landen.
Was Großeltern tun können – ohne die Beziehung zu gefährden
Hier liegt das eigentliche Dilemma: Wie setzt man Grenzen, ohne den Enkel zu verletzen oder das Gefühl zu erzeugen, abgewiesen zu werden? Die Antwort liegt nicht in einer abrupten Distanzierung, sondern in einer bewussten Umgestaltung der Beziehung.
- Fragen zurückgeben statt beantworten: Wenn der Enkel anruft und fragt „Was soll ich tun?“, ist eine mögliche Antwort: „Was denkst du denn selbst?“ Dieser einfache Satz verschiebt die Verantwortung sanft, aber klar dorthin, wo sie hingehört – zum jungen Menschen selbst.
- Verfügbarkeit strukturieren: Täglich erreichbar zu sein, zu jeder Uhrzeit, für jedes Thema, ist auf Dauer nicht tragbar. Es ist keine Lieblosigkeit, bestimmte Zeiten zu benennen, in denen man telefoniert. Im Gegenteil: Es ist ein Akt der Fürsorge – für beide Seiten.
Was dabei hilft, ist ein ehrliches Gespräch – nicht als Vorwurf formuliert, sondern als Ausdruck von Zuneigung. Etwas wie: „Ich bin so froh, dass du mir vertraust. Ich mache mir manchmal Gedanken, ob du auch dir selbst vertraust.“ Solche Sätze öffnen Türen, anstatt sie zu schließen.

Die versteckte Erschöpfung – und warum sie ernst genommen werden muss
Viele Großeltern schämen sich, zuzugeben, dass sie sich erschöpft fühlen. Schließlich lieben sie ihre Enkelkinder. Schließlich sind sie froh, gebraucht zu werden. Doch emotionale Erschöpfung ist kein Zeichen von mangelnder Liebe – sie ist ein Zeichen, dass eine Grenze überschritten wurde.
Die Forschung zur sogenannten „Großelternbelastung“ zeigt, dass Großeltern, die dauerhaft als primäre emotionale Stütze fungieren, ein erhöhtes Risiko für Stress, Schlafstörungen und soziale Rückzugstendenzen aufweisen. Das ist keine Kleinigkeit. Wer für andere da sein will, muss auch für sich selbst sorgen – das gilt mit siebzig genauso wie mit dreißig.
Was die Eltern damit zu tun haben
Manchmal ist das übermäßige Anlehnen an die Großeltern auch ein indirektes Signal über die Beziehung zwischen dem jungen Erwachsenen und seinen eigenen Eltern. Wenn dort Konflikte, emotionale Kälte oder übermäßige Kontrolle herrschen, weichen Enkel auf Großeltern aus – weil dort Sicherheit ohne Urteil wartet.
Großeltern, die diese Dynamik erkennen, tragen eine doppelte Verantwortung: Sie müssen sowohl dem Enkel helfen, Schritt für Schritt autonomer zu werden, als auch – wenn möglich – zu einer Verbesserung des Familienklimas insgesamt beitragen. Das kann bedeuten, sanft das Gespräch mit den eigenen Kindern zu suchen, ohne sich einzumischen oder Partei zu ergreifen.
Liebe, die loslässt
Die reifste Form der Liebe zwischen Generationen ist nicht jene, die alles auffängt, sondern jene, die den anderen stark macht. Großeltern, die das verstehen, geben ihren Enkeln etwas Bleibendes: das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit. Ein Enkel, der gelernt hat, eigenständig zu entscheiden, wird die Großeltern nicht seltener anrufen – er wird mit anderen Gesprächen anrufen. Tieferen. Gegenseitigeren. Solchen, in denen nicht mehr nur er Hilfe braucht, sondern auch zuhört.
Und genau das ist es, was viele Großeltern sich im Stillen wünschen – auch wenn sie es selten so klar aussprechen.
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